Von Astern und Eseln

Bereits zum dritten Mal schrieben die Nationalparks Austria heuer wieder Medienstipendien – sprich Residencies – in einem der sechs österreichischen Nationalparks aus. Während dort zwei Wochen lang für Kost und Logis gesorgt wird, soll man den Aufenthalt für die Entwicklung eines künstlerischen Projektes mit Bezug zur Umgebung nutzen – in unserem Fall eine audio-visuelle Arbeit produzierend. Sich wieder einmal über längere Zeit exklusiv einem Ort und einem Projekt widmen zu können reizte uns. Wie wohl die meisten Kunstschaffenden arbeiten wir in unserem Alltag doch meist an mehreren Projekten gleichzeitig.

Der gemeinsamen Vorliebe für naturbezogene Themen (wie zum Beispiel im „Skippin thru Tarka T.O.“ Video ersichtlich) und der Vorstellung eines sommerlichen Aufenthalts in einer abgeschiedenen Berghütte fernab jeglicher Zivilisation folgend bewarben wir uns also, und bekamen kurze Zeit später die erfreuliche, doch ebenso überraschende Nachricht ob der Zuteilung zum Nationalpark „Neusiedler See – Seewinkel“.

Das „Land der Berge“ beherbergt auch diesen für Österreich, aber auch Europa doch ziemlich ungewöhnlichen Landstrich, uns drei Oberösterreicher_innen lediglich aus Kindheitstagen in Verbindung mit Fahrradausflügen und später in Form von verschiedensten dort aus Weintrauben hergestellten Getränken bekannt. So fuhren wir Mitte August zwei Wochen in die Steppe. Ja wirklich, es gibt eine Steppe in Österreich.

Seit 1992 befindet sich dort länderübergreifend der Nationalpark „Neusiedler See – Seewinkel / Fertö-Hanság Nemzeti“. Rund um den See erstrecken sich breite Schilfgürtel, in denen Purpurreiher mit ihren langen Beinen im Verborgenen durch das seichte Wasser schreiten. Zudem finden sich hier im Hochsommer fast zur Gänze ausgetrocknete Salzlacken, die von prächtiger roter Salzmelde umsäumt werden, Weideflächen mit weißen Eseln und Wasserbüffel, die in Schlammlöchern Abkühlung suchen.

Für unsere laienhafte Vorstellung von Nationalparks ungewöhnlich wirkt auch die Tatsache, dass es sich hier großteils um durch menschliche Nutzung entstandene Kulturlandschaften handelt, die auch aktiv (wie durch Beweidung) bewirtschaftet werden müssen, um die ansässigen Tier- und Pflanzenpopulationen zu erhalten.

Ebenso ist der Nationalpark an den Rändern überaus zerstückelt und Schutzzonen grenzen oft direkt an Weinbaugebiete. Dies hat zur Folge, dass direkt neben rastenden Zugvögeln Bedienstete der Weinbauern in panischer Angst vor gefräßigen Staren ebendiese mit Alarmanlagen, Knallschreckgeräten und Schreckschusspistolen zu verjagen versuchen. Da das Gebiet außerdem direkt in der Einflugschneise zum Flughafen Wien liegt, ergaben sich insbesondere bei Audio-Aufnahmen doch erhebliche Herausforderungen.

So viele Fragen wir uns hier hinsichtlich des Zusammenwirkens von Mensch und Natur (und der Abgrenzung dieses Begriffes) gestellt haben, so zahlreich fanden wir aber ebenso scheinbar unberührte Flecken und Mikrokosmen, umrandet von Schilf oder nur durch unbefahrbare Sandpisten erreichbar. Begleitet von einer Fülle an Informationen und Anekdoten der Mitarbeiter_innen des Nationalparks starteten wir unsere täglichen Fahrrad-Streifzüge und mussten bald begreifen, dass uns das Einfangen dieser einzigartigen Flora und Fauna vor allem eines abverlangen wird: Geduld. Gleich anfangs kreuzte ein tieffliegender Schwarm von Staren unseren Weg, doch bis wir unser Equipment aus den viel zu schwer bepackten Rucksäcken gezerrt hatten, war das Spektakel schon längst wieder vorüber. Die erfolgreichsten Tage waren die, an denen wir stundenlang in einer der wenigen Baumgruppen verharrten, bis Tiere auftauchten oder wir Interesse an sonst leicht zu übersehenden Gewächsen oder Bodenstrukturen fanden. So sammelten wir Unmengen an verschiedenstem, teils auch unbrauchbarem Material, welches wir anfangs nur schwer zu verarbeiten wussten, wollten wir doch jegliche Annäherung an klassische, dokumentarische Arbeitsweisen möglichst vermeiden.

Letztendlich hatten wir eher kuriose Arbeitsweisen zu entwickeln: Wir funktionierten das zur Vogelbeobachtung nützliche Fernrohr kurzerhand zu einem mächtigen Objektiv für unsere kleine Action Camera um, nutzten den ehemaligen Grenzwachturm als Klangkörper oder steckten unsere Köpfe in Blumenblüten und beobachteten dort kleine Insekten auf ihren Wanderungen. Kontaktmikrofone wurden auf Elektroweidezäunen angebracht und weiße Esel zum Interview gebeten. Die Freiheit, derartig zeitintensive Experimente wagen zu können, stellt wohl den größten Vorzug von Residencies dar.

Nach der täglichen Schattensuche, stundenlangem Auflauern von seltenen Pflanzen- und Tierarten sowie unzähligen Kilometern mit dem Fahrrad findet man die kulinarische Erfüllung übrigens am besten im „Illmitzer“. Insbesondere die Nachspeisen der „Oma“ des Hauses sind wärmstens zu empfehlen (beste Marillenknödel!).

Da im Frühling dank brütenden Vögeln, laut rufenden Fröschen und Unken sowie weniger menschlicher Lärmbelästigung noch weitere Abenteuer auf uns warten, planen wir schon unseren nächsten Ausflug.